Das Kamel und das Nadelöhr
16. Nov 2025,

Es war einmal diese eine Geschichte, in der ein Kamel aufgefordert wurde, durch ein Nadelöhr zu schlüpfen. Soweit, so unklar.
Erstens: Ein Kamel weiss nicht, was ein Nadelöhr ist.
Warum? Weil es eben ein Kamel ist.
Ein Tier, das weder Heuhaufen noch Nähkästchen kennt, wird kaum tiefere Kenntnisse über den Aufbau einer Nadel besitzen – oder über die Idee, sich selbst hindurchzuquetschen.
Vor allem aber fehlt die Erklärung, warum ein Kamel das überhaupt tun sollte. Vielleicht wird der Sinn ja irgendwann mal nachgeliefert.
Denn dieser Satz taucht gleich mehrfach im sogenannten Neuen Testament auf.
Womit wir gleich beim nächsten Rätsel wären:
Wie kann ein Buch nach zwei Jahrtausenden immer noch „neu“ heißen?
Wie langsam altert ein Buch eigentlich?
Aber zurück zu Nadel und Kamel.
Der Originalsatz lautet:
„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt.“
Das ist, ehrlich gesagt, eine kleine Revolution.
Ein Satz, der verdächtig sozialistisch – oder gar kommunistisch – klingt.
Ein Reicher kann sich also kein Ticket ins Himmelreich kaufen?
Oh my goodness.
Oder auf Deutsch: Ätsch.
Wenn das nicht revolutionär ist, was dann?
Dieser Typ Jesus muss ein echter Hippie gewesen sein.
Er schrieb offenbar nichts selbst, aber er hatte seine Jungs – Matthäus, Markus, Lukas – die das alles fein säuberlich auf Pergament notierten.
Der Mann aus dem sogenannten Nahen Osten (nah – aus wessen Perspektive eigentlich?) mochte Reiche wohl nicht besonders.
Er peitschte die Händler aus dem Tempel, gründete die erste Tafel aus Fisch und Brot – und verwandelte zur allgemeinen Begeisterung Wasser in Wein.
In Burgunder, vermutlich.
Zwischen Himmel und Schwarzmarkt
Das ist, sagen die Pergamentrollen, rund zweitausend Jahre her.
Was hat sich seither getan?
Haben wir inzwischen eine gerechte, reichenlose Gesellschaft erschaffen, in der jedes Lebewesen friedlich und satt lebt?
Lass mich kurz nachsehen.
Oh, oh. Schlechte Nachrichten.
Im Jahr 2025 stehen Kamele unter Beobachtung, Nadelöhre gibt’s nur noch auf dem Schwarzmarkt,
und die Reichen?
Die heißen jetzt Superreiche, Einprozenter, Milliardäre – und neuerdings auch Trilliardäre.
Einer davon hört auf den Namen Elon.
Holy shit.
Irgendwas scheint da gründlich schiefgelaufen zu sein.
Denn der Rest der Menschheit rackert sich weiter ab:
mehrere Jobs, wenig Schlaf, steigende Preise –
und ständig in der Hoffnung, wenigstens nicht bombardiert zu werden.
Beeindruckend, was intelligente Lebewesen anrichten können, wenn man sie nur lässt.
Oder ihnen gleich den ganzen Planeten zum Herumspielen überlässt.
Und trotzdem: Widerstand
Stopp.
Dystopie ist keine Lösung.
Sie motiviert niemanden.
Was mich hoffnungsvoll stimmt, ist dieses eine Gen in der menschlichen Konstruktion:
Resistance.
Widerstand.
Irgendwann, so stelle ich mir vor, schubst dasselbe Kamel die Nadel einfach beiseite –
weil ein einziger Strohhalm zu viel war.
„Das ist der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken bricht“,
Die ursprüngliche Metapher wurde ebenfalls von diesem Matthäus verfasst
Ja, mit dem Rücken und dem Kamel sind wir, die Homo Sapiens gemeint. Doch mit dem Widerstands-Gen bricht der Rücken nicht vollständig, sondern strafft und erhebt sich.
Nicht gegen Kamele, Strohhalme oder Nadelöhre.
Sondern für das Einhalten der universellen Menschenrechte.
Für alles, was wir verlieren könnten,
wenn sich der Widerstand in unseren Genen kurz zum Schlafen hinlegt.
Bin ich optimistisch?
Nein.
Aber hoffnungsvoll.
Hoffnungsvoll, dass Menschen sich an ihre Kraft des Gemeinsamen erinnern –
sich organisieren, sich wehren, sich ermutigen und sich zeigen.
Friedlich.
Aber widerständig.
Das ist Hoffnung pur.
Und sichtbar.
