The Assembly

22. Nov 2025,

The Assembly
The Assembly

Das sogenannte „TV-Format“ hat unzählige Shows auf die Bildschirme gespült – einige inspirierend, andere zum Vergessen. Seichte Unterhaltung hat die wunderbare Eigenschaft, die Zuschauer:innen sanft einzuschläfern. Nein, nicht endgültig – aber nachhaltig.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl führte das Privatfernsehen in Deutschland ein, um, so sahen es manche Kritiker:innen, „Ruhe im Lande“ einkehren zu lassen. RTL, SAT.1 und ähnliche TV-Tümpel überfluteten die Bildschirme mit klebriger Leichtkost.

Doch immer wieder tauchen sie auf – die unerwarteten, frischen, mutigen Formate. Sendungen, die Bewusstsein schaffen und im Gedächtnis bleiben.

Ein Format mit Haltung

Der staatlich finanzierte kanadische Fernsehsender CBC Gem startete vor wenigen Wochen eine Serie, die genau in diese Kategorie fällt: The Assembly.

Hier interviewen 30 bis 40 autistische und andere neurodivergente Erwachsene Prominente – ehrlich, direkt, ohne Drehbuch.
Das Format stammt ursprünglich aus Frankreich, wurde in Grossbritannien und Australien gefeiert – und nun mit Begeisterung in Kanada adaptiert.

„Ich habe alle sechs Folgen gesehen. Keine lief ohne lautes Lachen, Tränen der Rührung und ehrliche Verwunderung.“

Ein bunter Kreis voller Stühle, jeder davon besetzt mit einer einzigartigen Seele aus dem neurodivergenten Spektrum.
In der Mitte: ein prominenter Gast, der sich fragt, worauf er sich da eingelassen hat.

Die Fragen? Direkt, neugierig, ungeschminkt – von Karriere über Geld, Beziehungen, seelische Tiefen bis zu peinlichen Anekdoten.
Der Ton? Eine wunderbare Mischung aus Humor, Unsicherheit und Herzlichkeit.

Kritiker:innen beschreiben die Atmosphäre als warm, emotional und erfrischend ehrlich – manchmal zum Schlapplachen, manchmal zum Nachdenken.

Im Rampenlicht stehen nicht die Stars wie Howie Mandel, Jann Arden, Allan Hawco, Arlene Dickinson, Maitreyi Ramakrishnan und Russell Peters, sondern die Interviewer:innen selbst. Neurodivergente Menschen mit einzigartigen Perspektiven auf unsere Welt.
Sie werden nicht als „Fälle“ gezeigt, sondern als witzige, wache, fordernde Gesprächspartner.

Diese Show ist mehr als Unterhaltung: Sie ist eine Bühne für Empathie, Respekt und Sichtbarkeit.
Die Zuschauer:innen lernen, Berührungsängste abzubauen – und sehen, dass Anderssein einfach Menschsein ist.

Natürlich gibt es berechtigte Fragen:
Wie gehen die Teilnehmenden mit öffentlicher Aufmerksamkeit um?
Werden sie fair behandelt und bezahlt? Bekommen diese hervorragenden Menschen eine Chance, bei CBC einen Job zu bekommen?
Und schafft CBC damit langfristige Perspektiven – oder bleibt es bei einem symbolischen Projekt?

Kanada gilt als Vorbild für Diversität und Inklusion – und so darf man erwarten, dass diese Prinzipien auch hinter den Kulissen gelten. 

The Assembly ist ein mutiges, kluges und berührendes Format.
CBC Gem zeigt, dass Fernsehen mehr kann als unterhalten – es kann Menschen verbinden, Vorurteile abbauen und Bewusstsein schaffen.

Denn: Aus dem Ziel der Inklusion darf keine schön verpackte Ausbeutung werden.

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