Führungs Los
30. Nov 2025,

Der Fahrer führt und fährt ein fahrendes Etwas von einem echten Punkt A zu einem gedachten Punkt B. Diese Menschen hiessen früher Kutscher, Lokomotivführer oder Kapitän.
Doch die technische Entwicklung hat sich in dieser langen Zeit nicht in die Hängematte gelegt. Ingenieure wollen immer noch ausreizen, was sich schneller, besser, effizienter – und womöglich lukrativer – machen lässt.
Das grosse Thema seit einiger Zeit lautet: Führungslosigkeit.
Also: Die menschliche Führung eines fahrenden Etwas soll durch Computertechnik und künstliche Intelligenz ersetzt werden.
Und wo wird sich der ehemalige Fahrer oder Führer eines fahrenden, fliegenden oder schwimmenden Etwas dann hinsetzen?
Ach ja – in die Ecke der Ersetzten. Für den fröhlichen Kaffeeplausch.
Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff „Führer“ heikel.
Moment – er war es, über achtzig Jahre lang. Die Verbindung zum beschnauzten, grössenwahnsinnigen Flachmaler aus Österreich war zu eindeutig.
Nun wird das Wort – samt widerlicher Requisiten – wieder salonfähig gemacht: Rassismus, Hetze, Hassreden, Fingerzeigen auf Minderheiten, garniert mit dem Hinweis auf „Sündenböcke“.
Echt jetzt?
Die offizielle Jobbeschreibung für eine Führungsperson klingt harmloser:
„Die Macht eines Führers beruht auf einer Kombination aus Autorität, Verantwortung und dem Vermögen, anderen Menschen Orientierung und Motivation zu bieten.“
Klingt schön, ist aber schwammig formuliert.
Da fehlen Begriffe wie Ethik und Integrität, um entsprechend zu handeln – und als Vorbild zu wirken.
Und wo steht die Passage über den Missbrauch von Macht und wie man ihn verhindern kann?
Richtig – meistens irgendwo in der Verfassung, gut versteckt unter einem Paragraphen.
Die Idee, dass eine Gesellschaft stets einen oder mehrere Führer braucht, um sich zu organisieren, hat sich im Laufe der Geschichte deutlich relativiert.
Ein prägendes Beispiel dafür ist William Goldings „Herr der Fliegen“.
Eine Gruppe britischer Schuljungen strandet auf einer einsamen Insel und versucht, eine eigene Ordnung aufzubauen – ohne Erwachsene, ohne Aufsicht.
Das Experiment endet im Chaos.
Goldings Roman zeigt den Abstieg von Ordnung zu Gewalt, von Moral zu Amoral – eine Parabel über die dunklen Seiten menschlicher Natur.
Der niederländische Historiker Rutger Bregman ist dem Fiktiven eher abgeneigt. Er stöbert in der Weltgeschichte, um die Gegenwart und allenfalls die Zukunft besser und realistischer erklären zu können. Er fand die wahre Geschichte vom “Herr der Fliegen”. Und die gibt ein etwas anderes und vor allem reales Bild einer führungslosen Gruppe junger Menschen ab.
1965 segelten sechs Jungen aus Tonga auf einem kleinen Boot hinaus, gerieten in einen Sturm und landeten auf einer unbewohnten Insel. Statt sich gegenseitig zu bekämpfen, hielten sie zusammen. Sie organisierten sich, legten Regeln fest, teilten Aufgaben, beruhigten Streitigkeiten und überlebten durch Kooperation.
Bregmans Bericht zeigt: Der Mensch ist nicht per se grausam.
Er ist gemeinschaftlich, erfinderisch, fähig zum Guten – selbst in Extremsituationen.
Diese reale Geschichte korrigiert Goldings Fiktion und schenkt uns Hoffnung:
Führungslosigkeit kann auch Zusammenhalt bedeuten.
Wie erfrischend!
Führungslosigkeit als Ausdruck von Vertrauen, Kooperation und gemeinsamer Verantwortung.
Vielleicht ist das ja der neue Fortschritt:
Eine Gesellschaft, die auch ohne Führer funktioniert – aber mit Haltung.
Darf ich mich anschliessen?
