Das Procon
15. Dez 2025,

Die lange Strecke der Evolution ist eine Teststrecke. Manche Versuche gelingen, andere fallen durch. So weit, so evolutionär.
Auf diesem endlos langen Weg war einer dieser Versuche erstaunlich erfolgreich: die Sprache.
Endlich konnte sich das Leben akustisch am Geschehen beteiligen – eine echte Sensation!
Aber die Evolution interessiert sich nicht für solche Lappalien. Sie spielt weiter. Experimentiert, kombiniert, verwirft und pfeffert Neues auf den Markt der unermesslichen Möglichkeiten.
Beim spielerischen Umgang mit Sprache kam eines Tages die Rhetorik auf den Tisch. Den gedachten, versteht sich.
Und siehe da – einige Lebewesen blühten plötzlich auf.
Wie wunderbar, mit Wörtern Geschichten zu erzählen, andere zu begeistern oder sogar zu beeinflussen.
Grandios. Und ziemlich trickreich.
Doch die Evolution war damit nicht zufrieden oder gar fertig.
Am geistigen Horizont erschien eine neue Disziplin: die Argumentation.
Oh Mann. Oh Frau.
Plötzlich gab es prickelnde Möglichkeiten, sich im Gespräch oder in der Partnerschaft mit Stichhaltigem zu beweisen.
Argumente gegen Argumente. Mann gegen Frau. Frau gegen Frau. Mann gegen Mann.
Rein argumentativ, versteht sich.
Seitdem gilt das Motto: Das bessere Argument gewinnt.
Dann – ein Klopfen an der Tür.
Die Evolution präsentiert ihr neuestes Kommunikations-Experiment:
das Procon.
Häh?
Das Procon ist das Ding, das grosse Projekte schon in der Planungsphase ins Wanken bringt.
Es wird eingesetzt, um politische Absichten zu stützen – oder zu schwächen.
Das Procon ist mächtig, wenn es scharf geführt wird:
eine Waffe der Kommunikation, die Visionen real werden lassen kann – oder den Status quo zementiert.
Ein Zwitterding eben.
Es spricht für – und gleichzeitig gegen – eine Sache.
Mit derselben Leidenschaft.
Aber wer oder was ist dieses Procon überhaupt?
Ganz einfach: die komprimierte Form von Pro und Contra.
Also von Für und Wider.
Alles klar?
Ein paar Procon-Beispiele aus dem echten Leben
Thema: Existiert Gott?
Pro:
Philosophen wie Thomas von Aquin lieferten logische, kosmologische und teleologische Argumente.
Andere Befürworter verweisen auf persönliche religiöse Erfahrungen oder historische Zeugnisse.
Contra:
Der Teufel steckt im Detail – und wird von Gott toleriert.
Wie kann das Böse existieren, wenn Gott allmächtig und allgütig ist?
Zudem: Was früher göttliche Wunder waren, lässt sich heute wissenschaftlich erklären.
Thema: Freier Wille – funktioniert er überhaupt?
Pro:
Unsere Alltagserfahrungen zeigen, dass wir selbst die Entscheidungen treffen.
Ohne freien Willen gäbe es keine moralische Verantwortung. Wozu auch?
Contra:
Neurowissenschaftler zeigen, dass das Gehirn Entscheidungen fällt, bevor wir sie bewusst wahrnehmen.
Philosophisch betrachtet bestimmen frühere Ereignisse, was wir für „unsere Entscheidung“ halten.
Das Procon ist also eine faszinierende Gestalt.
Es befeuert jede Diskussion, kann aber auch lähmen.
Denn die Contra-Seite neigt dazu, ständig zu sagen, was nicht geht, nicht sein darf, nicht funktioniert.
So sterben viele gute Ideen sanft und friedlich – an Contra-Argumenten.
Vielleicht sollte das Procon seine Con-Seite einmal umschulen –
auf lösungsorientiertes Denken, statt auf gepflegte Verneinung.
Nur ein Vorschlag.
Ein Pro-Vorschlag.
