Ex Planation

17. Jan 2026,

Ex Planation
Ex Planation

Kinder sind unbequem. Kinder sind nervig. Kinder stellen zu viele Fragen.

Gut so — wessen Geist das eines Kindes ist. Oder wessen Kind des Geistes es ist. 
Und nur in einem bestimmten Alter sind Kinder extrem forsch in genau diesem Geist.
Sie sind erschreckend neugierig.
Sorry, ich meinte: erschreckend ist es, wenn sie nicht mehr neugierig sind.
Wenn sie keine Fragen mehr stellen.

Wenn Kinder Luft holen oder spontan aus der Hüfte eine Frage an Erwachsene abschiessen, dann steht unsichtbar der Untertitel:
„Erklär mir das.“
Oder auf Englisch:
„Explanation, please!“

Kinder sind oft der Grund, warum Erwachsene plötzlich mit dem Stottern anfangen.
Solche präzisen Warum-Fragen kommen im Alltag kaum mehr vor.
Erwachsene sind aus der Neugier herausgewachsen – erwachsen im wahrsten Sinn.
Und damit geht ein Stück der Wunderlust verloren.

Schade.

Gut, dass es diese „erwachsenen Kinder“ gibt, die man Wissenschaftler:innen nennt.
Und jene andere Spezies mit aktivem Neugier-Gen: die Journalist:innen.
Beide sind mit kindlichem Eifer unterwegs, um den Rätseln dieser Welt auf den Grund und nicht auf den Leim zu gehen.

Wer auch immer das Fragen erfunden hat – Respekt.
Besonders spannend wird es, wenn der Fragende nicht nur Antworten sucht, sondern Antworten in Frage stellt.
Wenn also jemand ein Thema ins Rampenlicht rückt – und nachfragt.

Was wäre uns alles erspart geblieben, wenn wir das Fragenstellen nicht irgendwann in den Hintergrund gedrängt hätten?
Wie oft blieben aussergewöhnliche Phänomene unerklärt, weil niemand mehr fragte?

Solche Vakuum-Situationen machen nervös.
Menschen wollen eine Erklärung. Eine Explanation.

Doch was passiert, wenn das Phänomen weiter in der Gegend herumsteht – und keiner weiss, warum?
Dann wird es eben mystisch.
Oder als Zeichen einer höheren Macht erklärt.

Das ist angewandter Fatalismus der Einfachheit.

Oder?

Nun ja – ganz so schlimm ist es nicht mit dem allgemeinen Nichtmehrhinterfragenwollen.
Schliesslich muss die Volksweisheit „Wer will schon dumm sterben?“ auch irgendwie mit Inhalt gefüllt werden.

Irgendjemand in einem privaten Fernsehsender fragte sich irgendwann, wie man das Publikum aktiver unterhalten könnte – und schwupps: Das Fernsehquiz war geboren.

Wenn schwitzende Kandidat:innen auf dem Sessel sitzen und um eine Frage samt Geldpreis ringen, dann werden Millionen von Zuschauer:innen zu Experten im eigenen Wohnzimmer.
Zugegeben: Meistens wird dabei nicht erklärt, sondern geraten.
Aber immerhin mit Leidenschaft.

Pure Unterhaltung mit einem Schuss Nervenkitzel – und einer kleinen Portion Frustration, wenn die eigene „Erklärung“ völlig danebenliegt.

Eine noch so gut klingende Erklärung an sich ist überhaupt keine Garantie für irgendwas.
Fantasie, Mutmassung und löchrige Erinnerung können erstaunlich überzeugende Geschichten produzieren.
Diese Geschichten müssen dann als „Erklärung“ für ein Phänomen herhalten.

Und dann taucht an der nächsten Ecke ein Kind, ein Wissenschaftler oder ein Journalist auf – und stellen Fragen.
Sie stellen die vermeintliche Erklärung auf den Kopf. Und dieser beginnt zu zweifeln. 
Autsch.

Wie heisst diese Kunstform gleich wieder?
Kritisches Denken.
Die wichtigste Zutat, um Klärendes wirklich zu verstehen – und zu teilen.

Die spannendste Variante der Fragerei ist, wenn man sich selbst befragt.
Oh ja – da geht’s im Kopf und im Blutdruck heiss her.

Wie oft habe ich mich vor mir selbst blamiert, nur weil ich mir unbequeme Fragen stellte?
Nein, das war keine öffentliche Frage – aber die Antwort lautet: unzählige Male.

Und genau dieser Zustand des Unbequemen ist willkommen.
Wenn ich mir etwas nicht erklären kann.
Wenn ich keine Antwort finde.
Wenn ich spüre, dass meine Erklärung löchrig ist.

Fragen attackieren die Komfortzone.
Und das ist völlig in Ordnung.

Denn ohne diese kleinen Erschütterungen gäbe es keine Bewegung im Denken.
Und keine Erkenntnis.

Fazit:
Kinder fragen, weil sie verstehen wollen.
Erwachsene erklären, weil sie glauben, schon verstanden zu haben.
Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen — in der Kunst, das Fragen nie zu verlernen.

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