Leergut

18. Jan 2026,

Leergut
Leergut

Wie leer muss etwas sein, bis es gut ist? Oder zumindest gut wirkt? Was ist überhaupt gut daran, wenn der Inhalt mit Leere glänzt? Ein Behältnis aus Nichts – ausser etwas warmer Luft mit ein paar Beilagen – soll gut sein?

Oder ist gemeint, dass das Ding trotz Leere gut ist?
Inwiefern liegt das Gute also doch so nah?

Ach so – es dämmert aus der Leere.
Ein leeres Blatt Papier kann für manche einfach nur ein unbeschriebenes Blatt sein.
Für einen Schreiberling ist es jedoch eine leidenschaftliche Aufforderung:
„Bitte mit Inhalt füllen.“

Dasselbe gilt für Abfüller von Flaschen und Dosen, ebenso wie für Gestalter von Plakaten – ob im Marketing oder in der Politik.

Vielleicht ist das Leergut ja gar kein logistischer, sondern ein philosophischer Begriff.
Aha! Nehmen wir mal ein ganz frisches, gerade geborenes Menschenwesen.
Der oder die Kleine – nennen wir sie Kimberley – wirkt süss und unschuldig, wie aus einem Barbieland entflohen.
Doch ausser den winzigen Organen, den frisch verknüpften Nervenbahnen und den feinen Blutpipelines ist das Köpfchen noch leer.
Eine grüne Wiese aus Gedanken, Gefühlen und Möglichkeiten wartet darauf, bepflanzt zu werden.

Na also, diese Analogie gefällt mir.

Kimberley weiss noch nicht, wie ihr geschieht.
Sie sieht die schattenhaften Gestalten um sie herum, hört widersprüchliche Urteile über sich, wird regelmässig von den Resultaten ihrer Darmtätigkeit befreit – und genau deshalb wirken Babys so herrlich gut gewickelt.

Wenn sich die frisch erwachten Synapsen endlich entschliessen, klarere Gedanken zu basteln, dann meldet sich mit Trompete und Fanfare die Neugier.
Diese Gier ist fast so stark wie die nach Essen und Trinken.
Und kaum entdeckt Kimberley ihre Umgebung, erzeugt sie bei Mama Panikattacken – besonders, wenn Steckdosen in Reichweite sind.
Oh, das ist ja lustig!“ denkt sich – vielleicht – die kleine Kimberley.

Das Leergut Kimberley ist nicht mehr ganz leer.
Immer mehr Informationen füllen den Speicherraum in ihrem Kopf.
Doch Erinnerungen allein holen keine Synapsen hinter dem Ofen hervor.
Da braucht es schon mehr Action, um die fleissigen Gesellen in Schwung zu halten.

Wenn die Synapsen japsen, läuft etwas falsch.
Also experimentieren sie.
Nach dem Motto: „Was wäre, wenn?
Zuerst in der Umgebung, dann im Land der Visionen und Träume.

Und wem gefällt dieses Herumwuseln im Ideenwald am besten?
Dem Kreativen natürlich.
Kimberley – inzwischen fünf Jahre alt – weiss gar nicht, wie kreativ sie ist.
Aber das spielt keine Rolle.
Sie tut einfach Dinge, die faszinierend und voller Entdeckerfreude sind.

Aus dem einstigen Leergut wird eine prall gefüllte Schatzkammer aus Erlebnissen, Eindrücken und Persönlichkeit.
Und trotzdem: das Leere bleibt gut.
Denn der Mensch – nicht nur der kleine – braucht Platz, den er füllen kann.

Völlerei der Gedanken gibt es im Prinzip nicht.
Da ist immer noch Luft nach oben – genauer gesagt: im Kopf.
Ob bei Kimberley, Ken, Nicole … oder dir und mir.

Immer wieder taucht in meinem eigenen Leergut diese eine Geschichte auf:
Ein Mädchen kommt in die Schule und langweilt sich bald.
Nennen wir sie Kimberley.
Während des Unterrichts ist sie oft unaufmerksam – ausser in der Zeichenstunde.
Da arbeitet sie hochkonzentriert.

Die Lehrerin tritt an sie heran und fragt:
Was zeichnest du, Kimberley?
Ein Bild von Gott.“, antwortet sie.
Aber niemand weiss doch, wie Gott aussieht!“ sagt die Lehrerin etwas genervt.
In einer Minute schon“, antwortet Kimberley ruhig.

Na also – wie schnell sich so ein Leergut füllen lässt, gell?

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