Blues hat eine Aurora

02. Mär 2026,

Blues hat eine Aurora
Blues hat eine Aurora

Um die Jahrtausendwende des 21. Jahrhunderts bekamen ein paar Musikenthusiasten den Blues. Und den wollten sie nicht verpuffen lassen. Ergo musste eine Bühne her. Aus einer vagen, aber leidenschaftlich verfolgten Idee entstand das Aurora Blues Festival.

Die Covid-19-Pandemie machte zuerst den Bluesfans und dann dem Festival den Garaus. Fünf Jahre lang war der Blues zur privaten Angelegenheit geworden. 
Doch 2025 wurde die blasse Erinnerung zur Renaissance – und das Blues Festival 2026 erwachte zu neuem Leben vom 26. February bis 1. März. 

Vier Tage und sechs Konzerte waren am Start. Natürlich liess ich mir diese viertägige Premiere nicht entgehen.
Aber lass uns zurückblicken, was von Donnerstag bis Sonntag zu sehen und vor allem zu hören war.
Spoiler-Warnung: Das Wort für alle vier Tage lautet „sensationell».

Das Aurora Cultural Centre ist ein Juwel für sich – und zwar nicht nur von aussen. Nebst der Musik finden Gemälde, Skulpturen und alle Arten von Kunst viele Wände und eine Bühne

Apropos Bühne: Der Konzertsaal hat keine. Also keine dieser üblichen hochgebauten Bühnen, die für die vordersten Sitzreihen den vollen Hörgenuss, aber nur spärliche Sicht erlauben. Die Aurora Cultural Center Bühne wirkt als Teil eines intimen, warmen Wohnzimmers – mit Überraschungen.

JACK DE KEYZER

Die Ersten haben's am schwersten, wenn ein Festival oder ein Konzert eröffnet wird. Jack De Keyzer hatte damit kein Problem. Denn er ist ein „hard working man". Er ist seit Jahrzehnten musikalisch unterwegs und besitzt die seltene Fähigkeit, Blues mit anderen Stilrichtungen zu verschmelzen. Natürlich hat Jack einige Namen, die als Inspiration bereitstanden. Blues-Legenden wie B.B. King und Muddy Waters färben seinen Stil – doch auch Rocklegenden wie Jimi Hendrix und Eric Clapton mischen bei Jack fleissig mit. Jack De Keyzer setzte das Publikum im vollbesetzten Saal sofort unter Strom. Die bluesige Welle aus Rauch und Soli erweckte den Saal zum Mitwippen und mündete in tosendem Applaus. Welch ein explosiver und zeitweise rasanter Start für das Aurora Blues Festival 2026.

Jack De Keyzer
Jack De Keyzer

JAY BLUES

Für seine Familie kann Jay nicht verantwortlich gemacht werden. Doch für sein Talent als Bluesmusiker aus Toronto wollen sie die Verantwortung der Gene gern übernehmen. Seine Mutter ist Jazzsängerin, sein Vater Saxophonist. Wo mögen sich Jays Eltern wohl kennengelernt haben?

Drei Männer und ihre musikalische Leidenschaft stehen auf der Bühne. Jay ist kein Unbekannter mehr – schliesslich wurde er mit dem Canadian Indie Music Award als bester neuer Künstler ausgezeichnet.
Jay bietet eine faszinierende Mischung aus verschiedenen musikalischen Stilen. Nebst dem traditionellen Blues als Grundlage mischt er zeitgenössischen Jazz und vor allem tiefgründigen Soul in seine Songs. Jay Blues ist unverkennbar, und seine Songs greifen tief. Kein Wunder, wenn man seine Vorbilder kennt: B.B. King, John Coltrane und Amy Winehouse.

Jay Blues
Jay Blues

 Wenn Jay mit warmer, ruhiger Stimme zum Publikum spricht, wird der Saal mucksmäuschenstill. Dann greift er in die Saiten – und mit der Stille ist es vorbei, denn die Begeisterung hat sich soeben ihren Platz erkämpft.

SUZIE VINNICK

Bevor Suzie Vinnick in Saskatoon, Saskatchewan das Licht der Welt erblickte, war Saskatchewan keine Fundstelle für den Blues. Suzie hat dies vor Jahrzehnten drastisch geändert. Ihre ausdrucksstarke Stimme ist unüberhörbar und bedient Bass und Gitarre beiläufig, aber ausdrucksstark. Suzie Vinnick gilt als eine der führenden Figuren in der kanadischen Blues- und Roots-Musikszene. Suzie ist ansprechend – und das gleich im doppelten Sinne. Ihre Musik wird oft als ehrlich und bodenständig empfunden, und ihre Kontaktfreudigkeit mit dem Publikum im Aurora Cultural Centre war erfrischend. Und ehrlich. Und bodenständig.
Suzie hatte zwei aussergewöhnliche Gäste mit im Gepäck.
Tony D. heisst im wirklichen Leben Tony Diteodoro. Kein Wunder, musste das Kürzel „D." her. Tony ist ein Verschmelzer musikalischer Einflüsse. Seine Spielfreude reicht vom klassischen Rock bis hin zu tief verwurzeltem Blues. Vor allem B.B. King und Stevie Ray Vaughan standen bei Tony D. Pate. Tony weiss, wie sich technische Präzision mit emotionaler Tiefe verbinden lässt – und genau das macht ihn zu einem gefragten Musiker in der Blues-Szene. Nebenbei bemerkt hat Tony D. einen Schrank voller Auszeichnungen: mehrere Juno Awards für das beste Blues-Album des Jahres, den Canadian Independent Music Award und verschiedene regionale Blues-Preise.
Wer ist eigentlich dieser Kevin Breit? Zunächst einmal ist er der zweite Gastmusiker bei Suzies Performance.

Suzie Vinnick
Suzie Vinnick

 Der Mann bringt viele Gitarren und noch mehr Talent auf die Bühne in Aurora. Der schlaksige Musiker entpuppt sich als musikalischer Maniac mit präziser und doch spielerischer Perfektion. Jede seiner vier Gitarren scheint als Teil seines Körpers zu funktionieren. Kevin Breit lässt seine musikalischen Vorbilder immer wieder aufblitzen: Blues-Ikonen wie Muddy Waters und B.B. King, Jazzgrössen wie Wes Montgomery und Pat Metheny – und auch seine Liebe zu Folk und Country ist nicht zu übersehen. Kevin ist weniger Performer als Forscher, ein Wissenschaftler, der sich durch das Dickicht der Musikgeschichte wühlt, um seine Spielweise noch weiter auszureizen. Und ja – auch Kevin blickt auf mehrere Juno Awards zurück.

GLENN MARAIS

Wer Newmarket kennt und mag, dehnt beide Eigenschaften unweigerlich auf Glenn Marais aus. Die Newmarket Music Days ohne Glenn? Undenkbar. Denn dieser talentierte Musiker konzentriert sich nicht nur auf die Musik, sondern ist auch sozial bestens vernetzt. Neben seiner Karriere als Performer organisiert Glenn Marais Workshops und Programme in den umliegenden Schulen. Sein Ziel: Jugendliche der Musik näherbringen, inspirieren, motivieren.
Und genau das tat Glenn am Samstagnachmittag – mit grossem Engagement, Witz und Charme. Das zahlreiche Publikum war begeistert. Wer aus Musikermund Unbekanntes und Neues über die Entwicklung des Blues erfährt, wird doppelt belohnt. Glenn erzählte kleine, wertvolle Geschichten, die manche Perspektive in ein neues Licht rückten. Musikalisch kamen die Besucher dabei keineswegs zu kurz – im Gegenteil. Glenns Erzählungen bildeten Bilderfolgen entlang seiner Songs.


Glenn Marais
Glenn Marais

Ein bemerkenswerter Nachmittag mit Anekdoten und einem Blick auf sein Album Jook.

DOMINIQUE FILS-AIMÉ

Überraschungen paaren sich gerne mit Unkenntnis. 

Ergo überraschte Dominique Fils-Aimé das Publikum in voller Breite mit einer exzellenten, magischen Vorstellung. 
Dominique durchbrach alle üblichen Abläufe eines Konzertabends – Einstiegssong, Begrüssung, nächster Song und so weiter. Nichts davon wollte sie den Bluesenthusiast:innen im Aurora Cultural Centre bieten. 
Sie ist die Künstlerin jenseits des Blues. Eine Klasse für sich. 

Nach fast zwei Stunden ohne Unterbrechung liess die Begeisterung des Publikums vergessen, dass mancher Rücken und manche Knie längst schmerzten. 
Als Dominique mit ihren exzellenten Mitmusiker:innen zum ersten Song in französischer Sprache ansetzte, tauchte sofort der Name „Sade" auf. Doch Dominique scheint keine Liebhaberin von Schubladen zu sein – obwohl Jazz und Soul ihre musikalische Heimat sind. Ihr Durchbruch gelang mit dem Album Nameless, das von der Kritik hoch gelobt wurde und ihr prägnante Aufmerksamkeit in der Jazz- und Soul-Szene verschaffte. 

Das Album greift tiefgehende Themen wie Rassismus und persönliche Freiheit auf – Elemente, die in vielen ihrer späteren Arbeiten wiederzufinden sind.

DOMINIQUE FILS-AIMÉ
DOMINIQUE FILS-AIMÉ

Neben ihrer musikalischen Karriere ist Dominique Fils-Aimé auch für ihr soziales Engagement bekannt. Sie nutzt ihre Plattform, um auf wichtige gesellschaftliche Themen aufmerksam zu machen. Dies hat sie mit sanfter, starker Stimme mehrfach bewiesen. Manche Köpfe nickten eifrig, wenn Dominique mit wenigen Sätzen die Herzen und Seelen der Anwesenden packte.
Welch ein wunderbares, konzeptvolles Konzert, gespickt mit feinen, menschlichen Weisheiten im Zeichen der Humanität. 

HARRISON KENNEDY

Sonntagsnachmittag um 14 Uhr versetzt das Licht die Bühne in eine gemütliche, sanfte Stimmung. Harrison Kennedy erscheint, lächelt – und das allgegenwärtige Eis ist gebrochen. Harrison hat seine Wurzeln tief in den traditionellen Klängen des Blues verankert, während er gleichzeitig mit verschiedenen Genres experimentiert.
Kaum waren die Siebziger Jahre angebrochen, trat Harrison der Band „Chairmen of the Board" bei. Diese Formation wurde schnell populär mit Hits wie „Give Me Just a Little More Time". Doch Harrison strebte nach mehr Freiheit für seine kreativen Talente und begann seine Solokarriere.
Die gemütliche Atmosphäre auf der Aurora-Bühne wusste Harrison noch weiter auszubauen. Mit witzigen Kommentaren zu den Songs brachte er seine Sicht auf den Blues den Zuhörer:innen näher. Klar, dass diese dann auch ein paar Zugaben haben wollten.

DAVE MOWAT

Ein bodenständig aussehender Trucker alter Schule erschien auf der Bühne. Er öffnete eine Holzschatulle – und darin lag eine eindrückliche Anzahl Mundharmonikas.
Der vermeintliche Trucker heisst Dave Mowat, geschätzter Harmonikaspieler in Kanada. Seine Musik ist eine Fusion aus verschiedenen Genres, die von traditioneller kanadischer Folklore bis hin zu modernen Stilen reicht. Seine Fähigkeit, die Harmonika in verschiedene musikalische Kontexte einzubetten, macht ihn zu einem vielseitigen Künstler. Kanadische Folkmusik, Jazz, Elemente der Weltmusik und selbstverständlich der Blues haben ihn geprägt.
Ein Mann. Eine Bühne. Zehn Mundharmonikas. Und eine tolle Stimme. Mehr brauchte Dave nicht, um das Publikum zu fesseln. Sein Wechselbad zwischen Harmonika, Gesang und stampfendem Stiefel ist schlicht beeindruckend. Dave scheint es ein Herzensanliegen zu sein, der Harmonika ihren zeitgenössischen Wert zurückzugeben. Und das ist ihm gelungen.

LITTLE MAGIC SAM

Mit wehender Mähne, Sonnenbrille, Jeanshemd und Boots marschiert der Mann auf die Bühne. Er schaut ins Publikum – als hätte er niemals so viele Menschen erwartet. Der Mann heisst Sam Taylor. Sein breites Lachen und seine Freude sind ansteckend. Little Magic Sam setzt den fulminanten Schlusspunkt hinter das wiedergeborene Aurora Blues Festival. Seine Musiker sind genauso spielfreudig wie Sam selbst. Der Mann ist bis in die Haarspitzen verliebt in den Blues, den Auftritt und die Magie der Musik. Auch Little Magic Sam hatte einen Gastmusiker dabei: Steve Grant, auch bekannt als „Cabbagetown Steve».

Sam Taylor liebt es, Blues nicht nur zu spielen, sondern darüber zu reden. Und das tut er ausgezeichnet und ausführlich. Fazit: Voller Bluesbetrieb mit Bildungsauftrag.

LITTLE MAGIC SAM
LITTLE MAGIC SAM

AURORA WINTER BLUES FESTIVAL 2026

Niemand hätte auch nur ansatzweise vermutet, dass dies das erste Aurora Winter Blues Festival nach fünf Jahren Pause sei. Nebst dem riesigen organisatorischen Aufwand sind vor allem die beteiligten Personen mehr als positiv aufgefallen. Suzanne Haines ist die Executive Director des Festivals. Sie eröffnete jedes Konzert mit echter Begeisterung und ungespielter Freude darüber, das Publikum zu sehen. Derek Andrews hat jeden Künstler und jede Band mit akkuratem Wissen und witzigen Kommentaren auf Extraklasse-Niveau vorgestellt.
Diese vier Tage mit sechs Konzerten waren ein Erlebnis, das sich als hervorragendes, freudiges und begeisterndes Bluesszenario in mein Herz gebrannt hat.

Danke an alle Bluesianer:innen.
Ich freue mich auf das Aurora Winter Blues Festival 2027.

LITTLE MAGIC SAM
LITTLE MAGIC SAM

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