Vermisst.

04. Mär 2026,

Vermisst.
Vermisst.

Missing, also das Vermissen von jemandem oder von etwas ist alles andere als wünschenswert. Die emotionale Achterbahn hilft auch nur bedingt weiter, um mit der Situation des Vermissens umzugehen.

Andererseits birgt der Zustand und der Begriff Vermissen eine starke Aussage. Ein Mensch war so wichtig in jemandes Leben, dass dessen Abwesenheit eine fürchterliche Lücke hinterlässt. Eine Lücke, die nicht zu schliessen ist.
Wenn Grenzen zu einem gerne besuchten Land schliessen, dann ändert das Bewusstsein kurzerhand die Meinung und meint: „Ich vermisse diese Orte.“
Wenn ein Mensch als vermisst gemeldet werden muss, dann kommen Angst und Unsicherheit dazu, ob dieser Mensch je wieder zurückkommen wird.
Vermissen oder Missing sind Worte, die so richtig professionel bitter-süss ausgestattet sind.

Heute wäre meine Schwester Esther eine Achtundsechzigerin geworden. Ach, wie hätten wir aus diesem ihrem Geburtstag eine fantastische und fantasiereiche Hippie-Feier gestalten können. Oder eine dekorierte Märchenwelt, in der sich Esther wohlgefühlt hätte.
Den letzten persönlich verlebten Geburtstag war der 4. März 2020. Das war das letzte Mal, als ich Esther lebend gesehen habe. Esther hat dennoch über ein Jahr als Bonus herausschlagen können. Sie starb am 26. Mai 2021.

Damals im März 2020 hat sich COVID-19 soeben die Schuhe angezogen, um sich in der ganzen Welt, in allen Ländern, in allen sozialen Schichten vorzustellen. Und die Menschen zu bedrohen.

Esther war bereits durch ihre Krebserkrankung geschwächt. Ihren Geburtstag feierte sie zuhause, immer in gebührendem Abstand zu anderen Menschen. Sie hatte bereits früher eine bezaubernde Variante zum üblichen Geburtstags-Tamtam eingerichtet. Der vierte Tag im Monat März war der Tag der offenen Tür. Freunde und Familie schneiten ins Haus, wenn sie Zeit fanden. Der Tag war jeweils gefüllt mit Gelächter, Gesprächen, Diskussionen und dieses angenehme Wohlgefühl des Zusammenseins.
Am 4. März 2020 war das genauso. Oder fast.

Oh ja, ich vermisse Esther immer mal wieder. Und ja, ich wische mir ein paar Tränen von den Wangen. Weil ich unsere Gespräche so sehr vermisse.
Doch das stärkere und überragende Gefühl ist Dankbarkeit, dass Esther ein wichtiger Teil meines Lebens war. Dass Esther einen exzellenten Ehemann und zwei aussergewöhnliche Kinder hinterlässt. Welch eine hervorragende Hinterlassenschaft.

Doch heute, an ihrem hypothetischen Achtundsechziger Feiertag stosse ich auf Esther an.
Auf alle Erinnerungen.
Auf alle Debatten.
Auf alle kreativen Momente.
Auf alle ihre präsentierten Märchen
Und auf ihr Buch „Wenn du nomol chunsch, denn chumm ich au nomol.“
Und den jährlichen „Fairy Trail Walk for Esther“ in meiner Heimat Newmarket in Kanada. 

"Du wirst vermisst, Esther."

1Kommentar

  • Dora Bigler
    04.03.2026 19:13 Uhr

    Lieber Chris,
    Vielen Dank für Deinen herzerwärmenden Beitrag über Deine verstorbene Schwester. Die Menschen, die uns nahestanden und nun nicht mehr unter uns sind, bleiben für immer in unseren Herzen.
    Deine Morgensplitter lese ich stets mit Freude und Interesse.
    Herzlich Dora Bigler

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