Black Out – Wenn zwei Jahre einfach verschwinden

12. Mär 2026,

Black Out – Wenn zwei Jahre einfach verschwinden
Black Out – Wenn zwei Jahre einfach verschwinden

Wie? Was? Schwarz ist ausgegangen? Keine Reserve, keinen Vorrat mehr Dunkelheit? Bei einem Black Out?

Wie? Was? Schwarz ist ausgegangen? Keine Reserve, keinen Vorrat mehr Dunkelheit? Bei einem Black Out?

Wer einen Black Out erleben musste, der schüttelt heftig den Kopf.

Dunkel ist die Erinnerung – also völlig weg, nicht nebulös oder schleierhaft. Einfach nur weg.

Wann hatte ich meinen ersten Black Out? Nun, mangels realer Erinnerung muss ich zugeben: Ich weiss es nicht. Mir fiel mit der Zeit nur auf, dass mich Menschen an diese eine Zeit erinnern, an der ich scheinbar teilgenommen hatte, aber mich an rein gar nichts erinnern kann. Diese Erkenntnis an sich ist bereits mit Befürchtungen angefüllt – doch der Hinweis auf die Dauer des Black Outs hat jegliche Hoffnung zerstört. Keine Chance, dass ich irgendwann drauf kommen werde, was in diesen dunklen zwei Jahren alles passiert ist. Nicht einmal Vermutungen können mir da weiterhelfen. Denn wie im Wort erwähnt, braucht es nicht nur Mut, sondern vor allem einen schemenhaften Umriss zumindest. Aber da ist nichts. Rein gar nichts, womit ich diese Lücke etwas befüllen könnte.

In den letzten einundsiebzig Jahren hatte ich diese Lücke erfolgreich verdrängt. Ein Vorgang, der relativ einfach ist, denn da ist ja nichts, das sich aktiv verdrängen liesse. Nur Dunkelheit.

Nun, die mir zugetragenen Geschichten waren zwar interessant und teilweise an der Grenze der Peinlichkeiten angesiedelt. Immer wieder versuchte ich, mir das Nichtbewussterlebte wenigstens in meiner Fantasiekammer auszumalen. Doch das war eher nervenaufreibend und mühsam.

„Wie, das habe ich getan?" war die am meisten gestellte Frage an die Überbringer:innen dieser Vorgänge.

Wie, ich soll davon erzählen? Das KANN ich doch nicht! Mir fehlen die bewussten Erinnerungen gänzlich. Was also erwartest du von mir? Ich soll zugetragene Gerüche – nein, Gerüchte – der Welt zum genüsslichen Degustieren anbieten?

Vergiss es!

Das alles ist mir einfach viel zu peinlich. Was sollen denn meine Freunde und meine Familie denken, wenn ich diese teilweise grässlichen Nachrichten an die Öffentlichkeit bringe?

Ja, ich bin für Offenheit. Und dem Peinlichen gebe ich nicht zuviel Kredit. Denn es ist ja keine wirkliche Pein damit verbunden. Nur eine Mini-Ausgabe in Form von pein-lich. Und das kümmert niemanden gross.

Ausser mich.

OK, du nervst mit deiner Fragerei – aber dann erzähle ich ein paar Anekdoten, von denen ich nicht weiss, ob sie mir wirklich zugeschrieben werden sollten.

In diesen tiefschwarzen beiden Jahren sei ich anfangs des Black Outs kaum mehr verständlich gewesen. Ich hätte Laute von mir gegeben, die nicht mal im Ansatz an eine Sprache erinnerten. Es war lediglich Gestammeltes, auf das sich niemand einen oder zwei Reime machen konnten.

Ich erinnere mich nicht.

Dann hätte ich öfters und mit voller Inbrunst mir in die Hose gemacht. Ach du Sch...... Ich hätte nicht mal im Ansatz eine Regung gezeigt, die den Drang zum Toiletten-Gang angezeigt hätte. Nur ungeniertes, bedingungsloses Laufenlassen innerer Werte ohne Gegenwehr.

Irgendwann in den zwei Jahren sei ich etwas verständlicher geworden. Nicht im Charakter, sondern in der korrekten Anwendung der deutschen Sprache. Wurde mir gesagt.

Und das war das baldige Ende dieser schrecklichen Zeit der Dunkelheit ohne irgendwelche Fetzen an Erinnerung.

So, jetzt ist es raus. Ich bin nun echt erleichtert, dass mir diese Last von den Schultern genommen wurde. Das hat gut getan, darüber zu reden. Oder zu schreiben.

Nach unzähligen Recherchen über ähnliche Fälle wie meinen waren die Resultate niederschmetternd. Aber das Fazit machte meine Situation etwas erträglicher. ALLE Menschen mussten eine solche dunkle Zeit erleben. Bei manchen dauerte es länger, bei anderen etwas weniger. Doch die Dramatik des Erlebten macht es für alle Menschen unmöglich, sich zu erinnern.

So ein Black Out ist für Säuglinge kein Beinbruch. Doch die Zeit danach ist nervig und beängstigend – wenn jedes Jahr sich viele Menschen melden, um die Betroffenen an diese Zeit zu erinnern. Also die Zeit der Geburt und die Dunkelheit des Vergessens danach.

Wenn dies nicht schon genug des Leidens wäre, dann werden wir alle – ja auch du – jedes Jahr von Freunden, Familie und oftmals wildfremden Menschen zu diesem folgenschweren Ereignis gratuliert.

Was ist denn los mit der Menschheit? Das frage ich mich besonders heute an diesem 12. März, an dem ich seit 1955 immer wieder mit meinem Black Out konfrontiert werde.

Hmm.

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