Chläpper Gässli
20. Mär 2026,

„Ähem was?“ Wenn gleich zwei umlautende Buchstaben in einem Wort vorkommen, dann wird das verdächtig und oftmals typisch Baslerisc h. „Wottsch e weeneli im Chläppergässli spaziire, hösch?“ ist so ein Beispiel.
Das Chläppergässli hat zwei Mütter, die beide für die Bedeutung zuständig sind.
Die eine meint die Chläpper als Ohrfeigen, die hinterher so rotleuchtend das Gesicht einrahmen.
Die andere Mutter meinte damit das Klappern der Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster.
Dieses harte Pflaster ist vielerorten im historischen Basel anzutreffen.
Habe ich schon erwähnt, dass ich als ein im Baselbiet Aufgewachsener schon vor der Pubertät nur ein Ziel hatte?
Ich wollte ein Basler werden. Punkt.
Nun, das hat nur teilweise geklappt, denn das echt Baslerische im Tonfall gelingt mir nur halbwegs.
Aber immerhin hat mir Basel die Eigenschaften beigebracht, die mich Kanada-Tauglich machten.
Die Offenheit gegenüber Menschen und Grenzen, der leicht britisch-eingefärbte Basler Humor und natürlich die grundsätzliche Einstellung, dass Basler eigentlich nur unter leichtem Zwang zur Confoederetia Helvetica beitraten.
Kanadier waren selten erfreut, wenn sie im Ausland als „Amerikaner“ bezeichnet oder bezichtigt wurden.
Als ich vor 46 Jahren zum ersten Mal den Boden Kanadas betrat – Montréal – war mein erster Eindruck: „Das sieht ja aus wie in Europa.“
Und der zweite Irrtum war: „WOW, Nordamerikaner sind ja soo freundlich.“
Erst beim Grenzübertritt am Toronto Pearson Airport für den Flug nach New York City spürte ich den Unterschied zwischen Amerika und Kanada hautnah.
Die US-Zöllner?
Ach du meine Güte.
Ich schweife ab.
Wir waren ja vorhin im Chläppergässli unterwegs.
Es gibt im Baseldeutschen und auch lokal in Basel selbst diese freundlich-aggressiven Wörter, die zwar bedrohlich bestückt sind, aber selten zu ausgeübter Gewalt ausarten.
Die Sprache, oder besser, die Rhetorik, hat eine künstlerische Hand.
Einige Wörter führen sofort zu bildhaften Ausstattungen, was das Wort bedeutet und welche Konsequenzen es im Gepäck mitführt.
Ich erinnere mich an einen Freund, mit dem ich als Teenager die Nächte in Basel um die frühreifen Ohren schlug.
In der Steinenvorstadt waren damals einige Gangs, also Jugendbanden unterwegs.
Und wie es der freundliche Zufall so will, hatten wir beide das unwiderstehliche Vergnügen, eine dieser Gangs zu begegnen.
Fast jedesmal.
Die Begegnungen wurden in ihrer Art erst etwas später unheimlich und schlagkräftig.
Vor allem war es mein Freund, dem etwelche Argumente faustrechtlich ins Gesicht wanderten, während ich noch immer versuchte, mit meiner Rhetorik die Rüpel zu besänftigen und manchmal mit leichter Ironie lächerlich wirken zu lassen.
Dennoch wanderte die Faust ins Gesicht meines Begleiters.
Gut, er war einen Kopf kürzer und etwas leichter gebaut.
Er kann schmerzlich erzählen, was ein Chläppergässli bedeutet.
Und wie der Besuch desselbigen den Gesichtsausdruck verändern kann.
Das wollte ich einfach mal kurz loswerden.
I am sorry. ;-)

