Rat Schlag
28. Mär 2026,

Der Aufprall war weniger hart als erwartet. Doch das Brennen auf der Backe liess sich nicht ignorieren und guter Rat war teuer. Nein, das ist nicht mit Ratschlag gemeint. Denke ich mal. Doch eben dieser Ratschlag in gewissen Situationen ist oftmals ein ungebetener Gast. Oder das fünfte Rad am Wagen. Oder ein Schlag auf die Wange.
Grundsätzlich ist der Ratschlag gutmütig und vor allem gut gemeint.
Ergo könnte er ein durchaus angenehmer Geselle werden.
Einer, den man zum Bier einlädt oder ein Wochenende in Las Vegas verbringen möchte.
Wobei… liegt Las Vegas nicht in diesem Land mit der seltsamen Regierung, in dem guter Rat teuer oder gar tödlich ist?
Ich verzettle mich.
Also zurück zum geselligen Ratschlag.
Der stammt ja aus einer wohlhabenden und traditionellen Familie.
Familie Ratschlag.
Eine Familie, die sich gerne und empathisch in der menschlichen Gesellschaft bewegt.
Die Mitglieder sind grösstenteils vielfältig unterwegs.
Ja, der eine oder andere der Ratschlagenden ist auch mal ein einfältiger Ausrutscher.
Aber generell sind die Ratgeber, die Ratnehmer, die Ratsherren und Ratsdamen gutmeinend tätig.
Wer Rat sucht, sollte diesen auch finden können.
Ob der Rat schlussendlich den Verzweifelten wirklich hilft, ist individuell und massgeschneidert.
Also entweder passend oder daneben.
Die Familie Ratschlag ist literarisch extrem tüchtig.
In jeder Buchhandlung oder noch mehr im Internet und neuerdings in der Abteilung KI stehen die Manifeste der Ratgeberfamilie im Übermass bereit, den Verzweifelten Lösungen anzubieten.
Gegen gutes Geld, versteht sich.
«Ratgeber aller Länder, vereinigt euch!» in der Literatur und in den Medien.
Es gibt Mitglieder der Familie Ratschlag, die sich philanthropisch betätigen.
Sie sind überall auf dem Globus zu finden oder wenigstens ihr Wille zur ungebetenen Hilfe hat ihre Träger gefunden.
Wer kennt das nicht, wenn aus dem Blauen des Himmels oder aus einem Gespräch heraus ein Ratschlag geschleudert wird.
Ja, einer dieser herausposaunten Sätze, die etwelche Empfänger:innen sprachlos und staunend zurücklassen.
Also jener Menschen, die völlig überraschend mit einem Ratschlag konfrontiert werden, obwohl sie nicht danach gefragt haben.
Wundersam sind die Wege der kostenlosen Ratgeber.
Als ehemaliger Pubertierender war ich elterlicherseits mit Ratschlägen der uneingeladenen Art konfrontiert.
Irgendwann war es dann mal genug damit.
Und es wurde Zeit für das Experiment.
Eine Idee, die ich aus irgendeinem Buch oder etlichen Büchern abgeleitet hatte.
Die Überlegungen zum Experiment waren schon mal prickelnd und für einen Heranwachsenden der rebellischen Art faszinierend. Jetzt musste ich nur noch auf die Gelegenheit warten, um das Experiment zum Testlauf zu schicken.
Und siehe da, schon bald setzte mein Vater zur Ratschlags-Predigt an, um meine Zukunft vernünftig zu gestalten.
Ich hörte aufmerksam mit deutlich gesichtbarem Interesse zu.
Als er seine Rede beendete, begann das eigentliche Experiment.
Ich wiederholte den Inhalt seines Ratschlags in einer komprimierten Form und meinte dann: «OK, ich tue genau, was du gesagt hast, Papa. Aber ich habe eine Bedingung. Wenn ich deinen Ratschlag haargenau befolge und das Ergebnis schiefgeht, dann bezahlst du mir hundert Franken. Wenn das Ergebnis gut ausgeht, dann bezahle ich dir hundert Franken. Können wir das in einem Vertrag festlegen?»
Das Experiment hat eines bewirkt: Die uneingeladenen Ratschläge wurden seltener bis zum völligen Versiegen.
Fazit: Ratschläge und Gäste sind herzlich willkommen, sofern sie eingeladen sind.

