Never Mind, Gapminder!
02. Apr 2026,

Vorsicht – das war ein Wortspiel. Und in English. Auf gut Deutsch wirkt es nicht mehr so spielerisch: «Ach, vergiss es, Gapminder.» Das ist das Wundersame der Sprache, dass sich Bedeutungen verschieben oder ins Sinnlose verfallen. Dennoch, ich fand den Satz beim und auch nach dem Aufwachen irgendwie witzig.
Heute morgen geht es aber um den Mut.
Den Mut zur Lücke.
Zum ersten Mal stolperte ich über eine solche Lücke, als irgendein Drummer von irgendeiner Rock- oder Jazzband im Wirbel des Trommelns eine Lücke offen liess.
Sprich dem Song kam ein Takt abhanden und zwar an einer Stelle, die von gewöhnlichen Ohren erwartet wurden.
Und genau diese Lücke hat den Song so stark wirken lassen.
Das Unerwartete wurde zum Exklusiven.
Später entdeckte ich Lückenhaftes in anderen Bereichen.
Während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland waren dennoch einige intelligent-witzige Kabarettisten in den Kellertheatern unterwegs.
Und sie wussten, dass stets ein paar Gestapo-Leute mit ihren Notizblöcken im Publikum sassen.
Ein gewisser Werner Finck hat sich der Lücke angenommen, um mit Mut vor den Schergen seine witzigen Texte zu präsentieren und dennoch nicht abgeführt zu werden.
Seine Sätze waren immer doppeldeutig.
Er beendete manchen Satz nicht, sondern liess das Ende in den Köpfen des Publikums wirken.
Die Lücken füllten sich von selbst, gaben aber keinen rechtlichen Anlass für eine Verhaftung Werner Fincks.
Es gibt Lücken, die mich immer und fast täglich beschäftigen: Die Wissenslücken.
Eine ungeheuerlich riesige Menge an Wissen kenne ich nicht mal ansatzweise.
Und das ist beunruhigend.
Ja, nur für mich.
Das Verwunderliche an den Lücken ist, dass sie sich ständig vermehren, während ich diese zu füllen versuche.
Das Füllen derselbigen ist in der heutigen Wissensgesellschaft eigentlich einfach.
Meinte ich zumindest.
Mit Google, KI und etwas Glück bei der Wahl der richtigen Bücher wurden die Lücken kleiner, während ich sie mit Wissen füllte.
Doch dann öffnete sich gleich daneben eine weitere Lücke.
Und noch eine.
Die Verursacher der neuen Lücken?
Fragen.
Viele Fragen.
Neue Fragen.
Dann gibt es diese nervigen hartnäckigen Lücken des allgemeinen Wissens – oder des spezifischen Kenntnisstandes.
Das sind diese auf Generationen übertragenen Sätze und Geschichten, die beim genauen Hinsehen gar nicht stimmen.
Nein, das sind nicht zwingend generierte Lügen, sondern einfach übernommene Aussagen, die bei einer genauen Prüfung nicht bestehen können.
Der charismatische Arzt Hans Rosling hat vor einundzwanzig Jahren die Gapminder-Stiftung gegründet.
Damit wollte Hans Rosling die nachhaltige Entwicklung weltweit vorantreiben und die Millenniums-Entwicklungsziele der UN unterstützen.
Der verständnisvolle Gebrauch von Statistiken und weiteren Informationen zu sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklungen sollte die Sicht auf die realen Situationen der Welt verbessern.
Die gapminder.org-Website bietet eine riesige Herausforderung an unseren Verstand und unser Wissen.
Das Online-Quiz im Multitasking-Verfahren lässt so manches bisherige Wissen und Annahmen verblassen, weil sie schlicht und einfach falsch sind.
Immer mal wieder beschäftige ich mich mit dem einen oder anderen Quiz, sprich Fragespiel von gapminder.org.
Anfangs war ich frustriert über meine vielen falschen Antworten.
Doch dann wurde ich dankbar, dass ich einige dieser Überlieferungen tilgen konnte.
Gapminder ist süss und bitter gleichzeitig.
Von der bitteren Erkenntnis einer falschen Annahme zum besseren Verständnis faktischer, sprich süsser Information wirkt wie eine kalte, aber angenehme Dusche.
I do mind, Gapminder!

