KI - Künstliche Idiokratie

14. Apr 2026,

KI - Künstliche Idiokratie
KI - Künstliche Idiokratie

Die Synapsen beginnen sich zu langweilen. Und das nicht zum ersten Mal. „Ich google das mal.“ Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als jemand mir Google zeigte. Es war Ende der Neunziger. Ein Finger tippte ein Wort in ein weisses Feld — und die Antwort erschien, sofort, vollständig, ohne Bibliothek, ohne Telefonanruf, ohne das mühsame Warten auf den richtigen Menschen mit dem richtigen Wissen.

Wobei, es war nicht eine Antwort, sondern Google lieferte eine Kollektion von möglichen Quellen, die eine Antwort haben. 
Haben könnten.

Ich staunte. Und dachte: Das ist das Ende der Unwissenheit.

Was meine Synapsen nicht bedachten war die andere Seite dieser Gleichung: dass mit dem Ende der allgemeinen Unwissenheit auch etwas anderes endet: Die Anstrengung des Suchens. 
Und die erleichterte Freude beim Finden. 
Das Gespräch, das man führen musste, um an eine Information heranzukommen. 
Der Umweg, auf dem man oft mehr fand als das, wonach man gesucht hatte. 

Vor allem fehlte die kreative Seite des Suchens… Assoziationen, Verbindungen und mögliche Fährten.

Google hat uns das völlige Nichtwissen weggeklickt. 
Ahnungslosigkeit wurde per Fingerclick ausgerottet. 

Bequem. Schnell. Unaufhaltsam.

Doch Google hatte noch einen Restbestand an Reibung. 
Man musste immer noch selbst lesen. 
Selbst auswählen. Selbst zusammensetzen. 
Google lieferte die Zutaten — kochen musste man noch selber.

KI kocht jetzt mit. Und kaut die ganze Sache auch noch vor.

Und das ist der Unterschied, der mich nicht loslässt, als ich heute morgen in meinen Kaffee starre und über diese Maschinen nachdenke, die ich selbst täglich benutze — und die ich, ich gebe es zu, manchmal frage, bevor ich überhaupt selbst zu Ende gedacht habe.

Das Gehirn ist kein Speicher. 
Es ist ein Muskel. 
Muskeln brauchen Widerstand. 
Nicht Komfort.

Als ich jung war — in den sechziger, siebziger Jahren in der Schweiz — war Wissen etwas, das man sich holen musste. 
Man ging in eine Bibliothek. 
Man fragte ältere Menschen. 
Man las Dinge, die man nicht verstand, zweimal, dreimal, bis sie Sinn ergaben. 

Das war langsam. Das war manchmal frustrierend. 
Aber dieses Suchen hat etwas mit dem Gehirn gemacht, was Googlen nie getan hat und was KI erst recht nicht tut: Es hat Verbindungen gebaut. Synapsen, die sich durch Reibung geformt haben.

Heute frage ich eine Maschine, und die Maschine antwortet, ehe mein eigener Gedanke die Kurve genommen hat. 
Und ich merke, wie verlockend das ist. 
Wie bequem. 
Wie gefährlich bequem.

Ich sage nicht, KI ist böse. Ich benutze sie für administrative Dinge und Recherchen. 
Ich finde sie faszinierend. 
Ich erlebe, was sie kann — und manchmal staune ich noch immer, genau wie damals vor dem weissen Suchfeld bei Google.

Aber der Unterschied zwischen Google und KI ist nicht Quantität. 
Er ist Qualität. 
Google hat uns das Nachschlagen abgenommen. 
KI nimmt uns das Denken ab. 
Und zwar das Vor- und Nachdenken. 

Und das sind zwei völlig verschiedene Eingriffe in das, was einen denkenden Menschen ausmacht.

Nachschlagen war immer eine Hilfsfunktion.
Nachdenken ist der Kern des Pudels.

Und heute, in diesem Frühling 2026, sitze ich hier in Newmarket, Ontario — ein Schweizer in Kanada, alter Hippie mit neuem Pass, Storyteller der alten Schule — und beobachte, wie eine ganze Generation aufwächst, die das Denken vielleicht nie als Muskelkater kennenlernen wird. 
Oder hat. 
Die nie wissen wird, wie es sich anfühlt, wenn ein Gedanke durch Widerstand entsteht. 
Und wie die freudige Erregung in den Höhenflug aufschwebt, wenn der Mensch bei einem kreativen neuen Gedanken ertappt wird. Auch diese Freude ist dann verschwunden.

Das macht mir mehr Sorgen als jeder Roboter, der einen Job übernimmt. 
Denn solche veränderte Situationen brauchen eben diese, unsere kreativen Ideen, um die Politik zugunsten der Menschen — der Wähler:innen — zu verändern.

Künstliche Intelligenz. 
Natürliche Bulimie.
Die Synapsen beginnen sich zu langweilen.
Die Synapsen werden fett. 
Übergewichtige, gelangweilte Synapsen?
Das hat die Evolution schlicht nicht vorgesehen. 
Oder gar vorausgesehen.

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